Sind Selbsthilfegruppen noch zeitgemäss?

Rund 400 ehrenamtliche Stunden investierte Markus Zwicky im vergangen Jahr für den Selbsthilfeverein Equilibrium. Das sind eineinhalb Monate, in denen er sich als Vereinspräsident für Menschen mit Depressionen einsetzte.

In unserem Gespräch fragte ich ihn, ob Selbsthilfegruppen überhaupt noch gefragt sind – und welche Pläne er mit dem Verein noch hat.

Herr Zwicky, Sie selbst haben keine Depression, präsidieren aber eine Betroffenen-Organisation. Wie kommt das?
Wissen Sie, ich habe ein gutes Leben. Mit meinem Engagement will ich etwas von dem zurückgeben. Es ist wichtig, dass sich auch gesunde Menschen für diese Thematik einsetzen. 

Wie leicht oder wie schwer fällt es Ihnen, die Bedürfnisse und Ängste Ihrer Mitglieder nachvollziehen zu können?
Anfangs war es schwierig. Beruflich bin ich mir Druck gewohnt und kann auch gut damit umgehen – bei Menschen mit Depressionen sieht das ja ganz anders aus. Aber ich kann mich gut in ihre Situation einfühlen.

Hat es sogar Vorteile, dass Sie als Präsident kein Betroffener sind? 
Klar, denn gerade weil wir eine Betroffenen-Organisation sind und auch Vorstandsmitglieder aufgrund ihrer Krankheit zwischenzeitlich ausfallen können, ist die Kontinuität für den Verein eine grosse Herausforderung. Da kann ich sicher etwas entgegenwirken. Zudem will ich den Verein weiter professionalisieren. Um dieses Ziel zu erreichen, will ich unter anderem die Mitgliederzahlen steigern, und mehr finanzielle Mittel zur Verfügung der Mitglieder haben.

DER VOLPE_Werde ein Welpe

Warum soll man überhaupt Mitglied bei Equilibrium werden?
Als betroffene Person findet man bei uns nicht nur Unterstützung, sondern auch ein Wir-Gefühl. Und Angehörige erhalten Zugang zu wichtigen Information im Umgang mit ihren Liebsten. Und Personen, die weder angehörig noch betroffen sind, können hier ihre Unterstützung anbieten.

Wie sieht diese Unterstützung konkret aus?
Im Austausch mit den anderen: Man hilft sich gegenseitig durch Reden und Zuhören. Schlussendlich funktionieren unsere Selbsthilfegruppen wie ein Kreis unter Freunden, die sich dann zum Beispiel Sorgen machen und nachfragen, wenn jemand mal den Termin nicht wahrgenommen hat.

Wie muss ich mir das vorstellen – ersetzt der regelmässige Besuch einer Selbsthilfegruppe eine Psychotherapie?
In akuten Situationen ist eine ärztliche oder therapeutische Betreuung immer wichtig. Unsere Gruppen hingegen werden nicht von Fachpersonen geleitet, sondern von den Betroffenen oder Angehörigen selbst. Somit bieten wir einen Ansatz zur Bewältigung der Krankheit nach der akuten Phase: Zum Beispiel wenn eine Personen aus der Klinik entlassen wurde, kann ihr die Selbsthilfegruppe helfen, sich im Alltag wieder zurecht zu finden.

Sind Selbsthilfegruppen überhaupt noch zeitgemäss? Ich kenne kaum Leute in meinem Alter, die eine besuchen.
Ich sehe, wie gut es unseren Mitgliedern mit diesem Austausch geht – diese Gruppen müssen sicher weiterhin bestehen bleiben. Aber tatsächlich ist es so, dass wir Mühe haben, jüngere Personen anzusprechen. Unsere Mitglieder sind im Schnitt 50 Jahre alt. 

Dabei zeigen Studien, dass momentan vor allem unter 30-Jährige psychisch unter der Pandemie beziehungsweise unter den Massnahmen leiden. Wie wollen Sie diese Menschen erreichen?
Die jüngere Generation ist nicht mehr vereinsbezogen und ist online unterwegs. Genau dort wollen wir ihnen begegnen. Darum sind wir inzwischen auf Facebook aktiv und unser Instagram-Auftritt ist ebenfalls in Planung.

In Planung?
Ja, denn die Thematik rund um Depressionen ist komplex und diese müssen wir für Social Media möglichst einfach und auch visuell ansprechend aufbereiten. Zudem sind unsere Ressourcen ziemlich begrenzt.

Welchen Einfluss hat die Pandemie allgemein auf Equilibrium?
Unsere Mitglieder haben in den letzten Monaten gelitten, da die physischen Treffen der Selbsthilfegruppen vor Ort nicht mehr stattfinden durften. Darum haben wir die «Coffee Walks» ins Leben gerufen. So konnten sich die Gruppen draussen zu einem Spaziergang treffen, sich austauschen und gleichzeitig alle Massnahmen einhalten. Diese Spaziergänge bieten wir weiterhin an – sie sind ein Erfolg.

Wie wird sich der Verein in den nächsten Jahren weiterentwickeln?
Equilibrium soll gesamtschweizerisch tätig sein. Da warten noch einige Herausforderungen auf uns, da gerade in der französischsprachigen Schweiz zum Beispiel eher Therapiegruppen gefragt sind und Selbsthilfegruppen noch wenig verbreitet sind. Momentan bauen wir neue Gruppen in der italienischsprachigen Schweiz auf.

Was hilft Ihnen persönlich, um im Alltag die Balance zu halten? Denn nebst ihrem Beruf und dem Vereinspräsidium, engagieren Sie sich auch in weiteren Berufsverbänden. 
In der Tat habe ich wenig Freizeit, umso mehr geniesse ich die Geselligkeit mit meiner Familie. Auch das Wandern und das Skifahren tun mir gut und natürlich dürfen die Besuche bei meinem Vater im Tessin nicht fehlen.

Zur Person
Markus Zwicky (58) ist Rechtsanwalt, Vater von zwei erwachsenen Söhnen und seit 2019 Vereinspräsident von Equilibrium. Vor rund 25 Jahren wurde Zwicky vom Vereinsgründer und Familienfreund John Kummer angefragt, ob er nicht das Sekretariat übernehmen könne. Seither blieb Markus Zwicky dem Verein Equilibrium verbunden.

Über Equilibrium
Der Selbsthilfeverein wurde 1994 in Zug gegründet und im Fokus stand von Beginn an die Unterstützung von Menschen mit Depressionen. Der Name Equilibrium steht für das Gleichgewicht, das bei den Betroffenen wieder hergestellt werden soll.
Zurzeit stehen den rund 500 Mitgliedern 30 Selbsthilfegruppen in der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz zur Verfügung.
Du möchtest Mitglied bei Equilibrium werden? Hier findest du alle Infos dazu.

Wird verarbeitet …
Erledigt! Sie sind auf der Liste.