Die Sexualität und die Jobsuche

Mit meinem jetzigen Job bin ich ganz zufrieden. Unter anderm weil ich weiss, dass der Vertrag in wenigen Monaten ausläuft. Denn die momentane Arbeit ist keine, die ich mir für meine Zukunft vorstellen kann.

Aber was für einen Job will ich denn? Die Antwort darauf kenne ich noch nicht. Umso mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto blinder bewerbe ich mich auf irgendwelche Stellenanzeigen – aus Angst, in ein paar Monaten nicht nur keine Ahnung, sondern dazu auch keinen Job zu haben.

Meine Suche nach einer neuen Stelle zwingt mich, genau hinzusehen. Was will ich wirklich? Was macht mir Spass? Was gibt mir Sinn?

Ich möchte nicht mehr wahllos irgendwelche Karriereleitern aufsteigen, nur um dann festzustellen, dass die Leiter an einem verdorrten Apfelbaum angestellt ist.

Während ich in den letzten Wochen meine Wünsche und Interessen reflektierte, meldete sich auch eine altbekannte innere Stimme: „Hör auf zu träumen. Das wirst du nie und nimmer schaffen! Finde dich damit ab!“ Ein ungutes Gefühl. Aber ein sehr vertrautes. Woher aber?

Gott liess mich schwul bleiben – zum Glück!

Es vergingen ein paar Tage, bis ich mich daran erinnern konnte, wann und weshalb ich diese kreischende Stimme das letzte Mal gehört habe. Es war in meiner Kindheit, noch vor der Pubertät. Damals betete ich jeden Abend vor dem Zubettgehen zu Gott. Ich bat ihn, mich „normal“ zu machen. Mir zu helfen, meine männlichen Freunde nicht mehr anziehend zu finden. Es klappte nicht.

Im Gegenteil, mein Wunsch, mit meiner Sexualität frei umgehen zu können, wuchs. Mit „frei“ meinte ich: Mich selbst sein zu dürfen, ohne Angst vor den Reaktionen anderer haben zu müssen. Und ohne, dass ich mich selbst dafür verurteile.

Zum ersten Mal hörte ich dann diese Stimme: „Remo, wenn du in deinem Leben erfolgreich sein willst, dann darfst du nicht schwul sein. Verstecke deine Sexualität, verliebe dich nicht. Du kannst es dir nicht leisten, wegen deiner Sexualität nicht akzeptiert zu werden.“

Erst jetzt als Erwachsener merke ich, was für erdrückende Gedanken ich als Kind hatte.

Die Angst vor den eigenen Wünschen

Dass sich diese Stimme nun auch bei der aktuellen Jobsuche meldet, ist für mich nun irgendwie verständlich. Zwar geht es hier nicht um die Angst vor der eigenen Sexualität, aber mein inneres Kind hat noch immer Panik vor seinen eigenen Wünschen und Träumen.

Die Gedanken sind ähnlich, nur der Grund hat sich geändert: „Wird mein Umfeld meinen Lebensstil akzeptieren, wenn ich mich dazu entscheide, nicht mehr einen 100-Prozent-Job zu haben? Passe ich noch in mein soziales Umfeld, wenn ich plötzlich nur noch die Hälfte wie bisher verdiene? Werden mich meine Mitmenschen für faul halten?“

Während dieses Gedankenstrudels, den ich diese Woche hatte, hörte ich im Raum nebenan einen Dialog aus der Serie „The Blacklist“. Mein Freund sitzt in der Küche und netflixt. Ich muss schmunzeln und die Gedanken hören auf zu kreisen. Seit bald vier Jahren leben wir zusammen. Heute kann ich also das Leben, wovor ich als Kind eine riesen Angst gehabt hatte.

Warum zur Hölle sollte ich also nicht auch einen Weg finden, wie ich meinen Wunschberuf ausüben kann?

Die innere Panik-Stimme hat mich indirekt also erinnert: „Remo, du hast es schon einmal geschafft. Du schaffst es auch jetzt wieder, dir deinen Traum zu erfüllen.“

Jobsuche und Homosexualität, Der Volpe

Wann bist du das letzte Mal über deinen Schatten gesprungen? Und wie hast du das geschafft?

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