Wie das Leben so spielt

Der Volpe_Wie das Leben so spielt

Heute Vormittag habe ich zwei Seniorinnen besucht. Im letzten Jahr hatte ich ein Portrait über die beiden geschrieben. Denn eine der beiden, Frau Egli, lebt seit mehreren Jahren mit Demenz. Ihre Partnerin betreut sie seit jeher.

kurz zur Vorgeschichte

Für den Artikel hatte ich die beiden ein Jahr lang immer wieder besucht und mit ihnen telefoniert. Es ist unglaublich schön zu sehen, wie offen beide mit der Krankheit umgehen. Denn so wie ich es erlebe, ist die Demenz auch heute noch ein Tabu-Thema. Denn wer dement ist, funktioniert nicht mehr so, wie er sollte. Und das passt nicht in unser Weltbild.

Auch in der Pflege, sei es im Spital oder in einem Alterszentrum, gibt es grosse Mängel. Vor allem fehlt das Geld für die Demenz spezifische Ausbildung des Personals
Darum müsste meist das eigene Bankkonto geplündert werden, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Denn in der Schweiz wird der Grossteil dieser Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen.

Die Folge: Viele Angehörige betreuen ihre erkrankten Partner, Eltern, Grosseltern zuhause und werden oft selbst krank oder erleiden Erschöpfungen. Denn eine an Demenz erkrankte Person braucht eine rund um die Uhr Aufsicht.

Wir haben mehr Stärke in uns, als wir zu glauben vermögen

Ich könnte jetzt noch einige Dinge mehr aufzählen, was in der Pflege und Demenz-Patienten falsch läuft. Aber in diesem Text geht es mir nicht um die Mängel.

Der heutige Besuch hat mir wieder einmal gezeigt, wie stark diese Frauen sind. Für mich stehen die beiden Frauen stellvertretend für alle Menschen, die tiefgreifende Schicksalsschläge erleben mussten und ihren Weg trotzdem weiter beschreiten.
Denn die beiden Mitte 80-Jährigen konnte bis jetzt nichts davon abhalten, ihr Leben zu geniessen – weder die physischen, psychischen noch finanziellen Herausforderungen.

Die beiden haben sich diesen Lebensweg nicht ausgesucht. Doch sie haben sich dazu entschieden, ihn weiter gemeinsam zu beschreiten – egal wie schwer die Rucksäcke auch geworden sind.

Jede und jeder von uns hat etwas zu tragen. Ich glaube inzwischen daran, dass wir die Traglast verringern können, indem wir sie akzeptieren und uns auf das fokussieren, was uns gut tut.
Denn haben mir meine „Was wäre, wenn dies oder das nicht passiert wäre?“-Gedanken jemals geholfen? Nein. Also versuche ich, dies zu lassen und meine Zeit und Energie stattdessen für meine Gegenwart einzusetzen.

Im Alltag vergessen wir oft, für was wir dankbar sein dürfen

Ich habe das wunderbare Glück, dass ich mein Leben sehr frei gestalten kann und dadurch auf meine Depression Rücksicht nehmen kann. Zudem habe ich einen Partner, der für mich stets offene Ohren und offene Arme hat. Dafür bin ich sehr dankbar.

Konzentrieren wir uns also lieber auf das, was wir haben. Machen wir uns bewusst, dass in jedem Schicksalsschlag auch viel Glück stecken kann. Lassen wir unsere Vorstellung von unserem perfekten Leben los. Denn sobald ich merke, für wie viele grosse und kleine Dinge in meinem Leben ich dankbar bin, desto absurder scheint mir die Vorstellung, mein unperfektes Leben für ein perfektes umzutauschen.

Heute bin ich vor allem dankbar für den Besuch bei den beiden Damen. Sie sind ein Vorbild für mich. Es ist schön, auch noch heute mit ihnen Kontakt haben zu dürfen.

Ich hoffe, dass auch ihr heute für etwas dankbar sein könnt!

Herzlichst,
Remo🦊

DER VOLPE_Bist du ein schlauer Fuchs