In der Klinik

Der Volpe_In der Klinik

Da sass ich nun, mit rasendem Herzklopfen. Die Psychiaterin lächelte mich an. Ich erzählte ihr, was passiert ist. Und dass ich nicht weiss, was los sei.
(➡ hier geht’s zur Vorgeschichte).
Heute kann ich mich nicht mehr genau an den Gesprächsverlauf erinnern. Aber ich weiss noch, wie ich sich da auf einmal ein Heulkrampf ankündigte. Im ersten Moment war es mir unglaublich unangenehm. Im zweiten und dritten Moment auch noch. Ich wehrte mich so lange gegen die Tränen, bis ich merkte, dass ich nichts dagegen tun kann. Also hörte ich auf zu Reden.
Mit dem Weinen löste sich etwas. Es war kein „Befreiungsschlag“ oder sonst etwas Grosses. Es war eine Art Abschied nehmen, ein Neuanfang. Ein Teil von mir hatte sich auf die Reise begeben. Damals konnte ich das noch nicht so recht einordnen, aber in diesem Moment wurde mir klar: Hier in dieser Klinik bin ich richtig. Ich brauchte einfach ein paar Tage, um hier ankommen zu können.
Diese erleichternde Erkenntnis spürte auch mein Herz und das heftige Pochen ging langsam zurück. Bis heute bin ich dieser Psychiaterin unendlich dankbar, da sie mir geholfen hatte, mich vermehrt mit der Sprache meines Körpers auseinander zu setzen.

Der Beginn

In den ersten Wochen in der Klinik passierte sehr viel mit mir. Schliesslich hatte ich auch von morgens bis abends Therapien. Zum einen ist es harte Arbeit, sich tagtäglich mit sich selbst auseinander zu setzten. Zum anderen ist es auch eine wunderschöne Erfahrung, weil ich merkte: Es macht Sinn. Denn hinter allem, was mein Körper oder mein Gehirn in den letzten Monaten machten, steckte ein Grund. Ich bemerkte, dass die Depression nicht eine Fehlfunktion ist. Sondern die gesündeste Handlung, die mein Körper umsetzen konnte, um meinen ungesunden Lebensweg zu stoppen. Ich begann mich also zu fragen: Inwiefern kann die Depression eine Krankheit sein, wenn sie mich dazu anhält, mein Leben schlicht lebensfroher zu gestalten?

Diese Aha-Erlebnisse und die angenehme Ruhe liessen mich mein Zuhause in den ersten Wochen nicht vermissen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, jemals wieder nach Hause zu gehen. Ich verbrachte am Abend nach den Therapien Stunden im Atelier und verliebte mich neu in das schöpferische Schaffen: Es entstanden Gemälde, Bilder, Skulpturen, und ich konnte nicht genug von den Farben, Formen und Düften bekommen.
Einmal während ich im Atelier arbeitete, schmierte ich aus Versehen rote Farbe auf meine Jeans. Damals regte ich mich noch auf, da es meine Lieblingsjeans ist. Heute bin ich sehr froh um diesen Klecks: Denn jedes Mal, wenn ich die Hose wieder anziehe, erinnere ich mich wieder an diese Zeit. Denn aus irgendeinem (tollen!) Grund wäscht sich der Farbklecks nicht aus.

Der Volpe_In der Klinik
Dieses Bild entstand in einer der Atelier-Sessions. Wann hast du das letzte Mal mit Farben und Materialien rumgepanscht? 👨‍🎨

In der dritten oder vierten Woche kam dann Marco zu Besuch. Die Situation war surreal. Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre lang ein Paar waren, verhielten wir uns beide, als wäre es unser erstes Date. Wahrscheinlich lag es daran, dass wir uns zum ersten Mal auf dieser neuen Ebene begegneten. Mit dieser Ebene meine ich, dass zumindest ich durch die Therapiearbeit begann, eine neue Sicht auf das Leben zu erhalten. Denn die intensive und tägliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart, verändert einen Menschen. Und mir war damals klar, dass dies auch bedeuten könnte, dass Marco und ich uns als Paar entfernen könnten. Doch das passierte nicht. Stattdessen verband uns die neue Situation noch fester. Und ich genoss auch das Gefühl, wieder Partner sein zu können – und nicht nur Patient. Er wusste, dass ich die richtige Hilfe bekam, und ich wusste, dass er sich weniger Sorgen um mich machen konnte. Die Klinik tat auch unserer Beziehung sehr gut.

Artikel-Tipp: Wie verhalte ich mich, wenn mein Partner depressiv ist?

Die Veränderung

Aber nicht nur auf der Beziehungsebene änderte sich einiges. Auch physisch tat sich was. Denn zum Therapieprogramm gehörte auch Sport. Und das jeden Tag. Ich begann mit dem Spazieren im Wald und im Fitnessraum beobachtete ich jeweils die Gämsen, die waghalsige Sprünge über Felsvorsprünge wagten. Die Verbindung zur Natur wurde immer wie wichtiger. Zudem dehnte ich mich fleissig: Zusammen mit der Physio- und Massagen-Therapeutin wurde mein Körper wieder schmerzfrei. Denn meine depressiven Verstimmungen endeten oftmals als verkrampfte Muskeln. Oftmals konnte ich mich auch deshalb tagelang kaum mehr bewegen. Nach jahrelangen Schmerzen konnte ich wieder spüren, wie es ist, nichts zu spüren! Ein tolles Gefühl.

Der Volpe_In der Klinik
Warme Sonnenstrahlen und eine wunderbare Landschaft: Das Spazieren half mir, die Gedanken in meinem Kopf zum Verschwinden zu bringen.

Zurück in der Welt

Wie ihr merkt: Das Ziel der Klinik war, dass ich für ein paar Wochen komplett aus dem Alltag „raus“ konnte, um so neue Erfahrungen machen zu können. Dafür bin ich sehr dankbar.
Doch das Leben wäre nicht das Leben, wenn es sich nicht irgendwann auch in einer anderen Facette wieder zeigen würde. Etwa in der Hälfte meines Klinik-Aufenthaltes, also in Woche vier, wurde mir schlagartig bewusst: Wenn ich nach Hause gehe, habe ich keine Arbeitsstelle mehr. Denn mein damaliger Arbeitgeber verlängerte mir auf Grund meiner Depression den Vertrag nicht mehr. Diese Info war nicht neu. Das wusste ich bereits vor meinem Klinik-Aufenthalt. Doch erst jetzt gelangte diese Tatsache in mein Bewusstsein. Ich bekam Panik, verspürte unglaubliche Wut, Groll und gleichzeitig auch Trauer. Es tat gut, dass diese Gefühle nun endlich gelebt werden konnten. So konnte ich sie nach und nach auch wieder loslassen. Und ich bin froh, dass ich diesen Start des Verarbeitungsprozesses in der Klinik machen konnte.

In der sechsten Woche, also zwei Wochen vor meinem Klinik-Austritt, merkte ich dann auch, dass ich meine Wohnsituation verändern möchte. Denn Marco und ich wohnten all die Jahre in meiner 2,5-Zimmer-Wohnung. Heisst, wenn jemand von uns mal Ruhe brauchte, musste dieser entweder das Schlafzimmer oder die Stube „blockieren“.
Langsam fing ich also wieder an, mich mit dem kommenden Alltags zu beschäftigen. Und das tat SO gut! Auch das Heimweh stellte sich ein. So konnte ich es in der achten Woche kaum mehr erwarten, bis Marco mit dem Auto mich und mein Gepäck abholen kam.

Der neue Alltag

Dadurch, dass ich nach der Klinik weitere drei Monate krankgeschrieben war, hatte ich genug Zeit, mein neues Leben in Angriff zu nehmen. Marco und ich zogen in eine neue und vor allem grössere Wohnung. Zudem erfüllte ich mir zwei grosse Wünsche und kaufte mir ein Motorrad, bestand die Fahrprüfung und ich begann mit Klavierunterricht. Nach den ersten paar Wochen Rumgeklimper auf meinem alten Keyboard kam dann ein echtes Klavier in die neue Wohnung. Es war sogar das erste Möbelstück in der Wohnung.🎶
„Was für ein Start!“ dachte ich mir. Und das denke ich auch heute noch, ein Jahr nach dem Start . 🤩

Zum Schluss

Falls ihr jemanden kennt, der bald in eine Klinik geht, oder falls du selbst mit dem Gedanken spielst: Du bist nicht allein. Viele Menschen fürchten sich davor, über ihren Klinik-Aufenthalt zu sprechen. Denk daran: Sich Hilfe zu holen zeugt von Stärke und Selbstliebe. Alles, was du hast und alles was du bist ist deine Gesundheit. Schau also gut zu ihr. Denn nicht nur dein Körper, auch deine Psyche hat einen gesunden Lebenswandel verdient.  

Herzlichst,
Remo  

Hast du Lust auf mehr?
Damit es mir möglich wird, nebst den Erfahrungsberichten auch Interviews und Reportagen zu schreiben, brauche ich mehr Zeit.

So kannst du mir Zeit verschaffen:

 

Klicke auf das Bild und erfahre mehr darüber⤵

 

Der Volpe_lokalhelden.ch