Befreie dich von den Stigmata

Letzten Sonntag durfte ich ein Radio-Interview geben. Das Gespräch war sehr persönlich und ich erzählte von meinem Leben. Zum ersten Mal habe ich die Themen Depression und Homosexualität gleichzeitig thematisiert. ➡ Hier kannst du das Gespräch als Podcast anhören.

Es war befreiend, offen darüber reden zu können. Bis anhin habe ich es vermieden, gleich über beide „grossen Themen“ zu sprechen. Denn die Depression wie auch die Homosexualität sind mit unzähligen Stigmata behaftet. Und wenn ich jeweils den Mut für das eine Thema fand, fehlte er mir für das andere.

Was andere über mich denken, ist ihre Sache

Wenn es um meine Selbstdarstellung geht, bin ich eitel. Alles was ich bisher tat oder sagte, wurde in meiner internen Marketingabteilung geprüft, gepimpt, bewilligt oder verworfen. Ein sehr anstrengender Vorgang.
Vor 1,5 Jahren machte ich dann die wundersame Erfahrung, dass mein ehrliches Ich, als ich frei über meine Depression sprach, von meinem Gegenüber gewertschätzt wurde.

Ähnlich war die Situation letzte Woche im Radiostudio. Da sass ich also, beantwortete die Fragen und – ich fühlte mich wohl dabei!
Schlussendlich kann ich nicht beeinflussen, was andere über mich denken. Warum sollte ich mir dann also die Mühe machen und nur irgend eine retuschierte Version von mir zu zeigen?

Selbstreflexion

In diesem ganzen Erkennungs-Prozess wurde mir klar, dass auch ich oft in Klischees denke und meine Mitmenschen unbewusst in Schubladen stecke. Dass das passiert, ist sehr menschlich. Wir können uns aber angewöhnen, unsere eigenen Schubladen ab und an einem Realitäts-Check zu unterziehen. Einfach beim nächsten Gespräch mit einem Arbeitskollegen die schubladisierte Version von ihm hervornehmen und sich selbst fragen: Ist seine Schublade noch immer richtig angeschrieben?

Denn wenn ich damit beginne, die eigenen Schubladen flexibel zu halten, dann erhöht dies mein Vertrauen, dass auch meine Mitmenschen mich aus ihrer eigenen Schublade ziehen.
Dies wiederum stärkt mein ehrliches Selbst und mit der Zeit verliere die Lust auf den ganzen Marketing-Prozess gänzlich – vielleicht🤓.

Wer für sich selbst einsteht, übernimmt eine Vorbildfunktion

Wer für sich selbst kämpft, versprüht inspirierenden Mut. Egal, ob wir diese Person sympathisch finden oder nicht.
Darum glaube ich auch, dass wir im Leben niemals Einzelkämpfer bleiben können. Denn wer für sich selbst einsteht, wird bald auf Gleichgesinnte stossen. Und im idealen Fall, wenn sich die Gleichgesinnten zusammen tun, können sie Berge versetzen.

Also ja: Ich habe Depressionen. Ich bin schwul. Und es gibt keinen Grund, mich dafür zu schämen. Wie auch? Weder habe ich mich für diesen Weg entschieden, noch verletze ich damit niemanden. Im Gegenteil: Es darf nicht sein, dass Menschen auf Grund ihrer Gesundheit oder Sexualität ausgegrenzt werden.
Es geht niemandem etwas an, ob du eine Depression hast oder nicht. Und es geht niemandem etwas an, mit wem du Sex hast und/oder dein Leben beschreitest.

Wenn jemand meint, er oder sie müsse dein Leben kommentieren oder dir seine/ihre Regeln aufzwingen, erinnere diese Person daran, dass sie dazu kein Recht hat.

Du bist du und wirst niemals jemand anderes sein. Und das ist wunderbar. 😌


Herzlichst,
Remo🦊